C-Abgesang


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Christian Langer – Vocals, Piano, Harmonica
Mini Schulz – Double Bass
Markus Faller – Drums, Percussion

featuring:
Herbert Joos – Trumpet, Flugelhorn
Carsten Netz – Saxophone

All songs written and arranged by Christian Langer

Recorded in spring 2000, at Studio Bauer, Ludwigsburg and Tukan Studio, Kornwestheim. Engineered by Thomas Schmitt, Martin Donner and RCM. Mixed by RCM.
Produced by Christian Langer

Über die Songs

Singing in the graveyard
Eine sarkastische Geschichte: Der personifizierte Tod triumphiert über das Leben und feiert seine endlich errungene Herrschaft über die Welt mit einem ausgelassenen Freudentanz. Drum&Bass-Rhythmik verschmilzt mit Jahrmarkts-Fröhlichkeit.

Indifference
Ein scheinbar gleichgültiger, von der Umwelt missverstandener, des Lebens müder Mensch verlässt das Selbige. Die Hinterbliebenen bestraft er mit Ignoranz und einem abgeklärten, zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Heiter anmutende Musik im Easy-Listening-Feeling in Verbindung mit einem bitterbösen Text.

In the end
Sehnsucht, eine Vision, ein leiser Alptraum. Ein luftig geblasenes Flügelhorn nimmt uns an der Hand und führt uns in eine sparsam arrangierte, melancholisch schöne Jazzballade.

Sorrow
Der Verblichene spendet tröstende Worte an die Hinterbliebenen. Nicht Tränen, ein Lächeln möchte er sehen. Eine Aufforderung, die Traurigkeit zu begraben, um wieder ins Leben zurückzukehren. Mit einem sphärischen Instrumentalteil klingt das Stück aus.

Today
Vertrackte Rhythmik, kaputter Sound, ein Touch von Musical. Unruhig ist das Stück, das die Aufbruchstimmung, den unbändigen Drang nach Flucht aus dem eingefahrenen, weltlichen Leben, hin zu neuen, unbekannten Ufern widerspiegelt.

Not like anybody else
Durch den ¾ Takt und die nach Akkordeon klingende Melodika bekommt dieses Stück einen Hauch von Frankreich. Inhaltlich ist es sehr traurig. Der Verblichene erinnert sich an die durch Missverständnisse und zu unterschiedlichen Erwartungen gescheiterte Beziehung zweier sich liebender Menschen. Er sehnt sich nach Aussprache und Versöhnung. Die Sehnsucht bleibt unerfüllt. Die zärtliche Umarmung, der Tanz der Liebenden findet nur im Traum statt.

My funeral
Wen treffe ich auf meiner eigenen Beerdigung? Wer hat sich nicht in diesen kranken, jedoch faszinierenden Gedanken vertieft? „Schade dass ich erst sterben musste, um dich zu erreichen!“ Eine Art Abrechnung. Die Musik ist reduziert auf Piano und Gesang. Erst gegen Ende mischt sich ein „Totenchor“ ein. Das Saxofon beendet das Stück mit traurigen, klagenden Tönen, einer Grabesrede gleich.

Home now
Ein Testament an den Geliebten, a cappella gesungen. Die letzte Textzeile wird zum inhaltlichen Konzept der gesamten Platte: „Home now, all begins“.

Never the same
Eine enorme Ruhe geht von diesem Stück aus. Die Strophe reduziert auf Kontrabass, wenig Piano im Refrain, unterlegt mit einem durchgehenden, einlullenden Groove, darüber eine getragene Melodie. Zu Musik gewordene Melancholie.

The broken man
Extrem groovig, bisweilen abgedreht und krank, sowohl musikalisch als auch textlich. Ein Stück über Frust, Enttäuschung und Neuanfang. Das vielschichtige, eigenwillige Arrangement und die Energie, die durch das Zusammenspiel der Musiker frei wird, macht es zu einem Höhepunkt.

The face
Musik aus dem Jenseits. Die Melodie geflüstert und kaum wahrnehmbar. Scheinbar aus dem Nichts auftauchende Stimmen bohren sich in unser Ohr und vermischen sich dort zu einem Chor aus dem Schattenreich. Das Stück führt uns in die tiefsten Tiefen unserer Seele. Das gehauchte Saxofon tut sein übriges. Immer tiefer geht die Reise. Wenn wir das Gefühl haben, ganz unten angelangt zu sein, kommt:

Light my candle
Das düsterste Stück. Geballte Depression. Alles andere als versöhnlich. Hier wird der Tod regelrecht zelebriert. Schreiendes Klagen und Endzeitstimmung. Die Hoffnungslosigkeit verwandelt sich in Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. In der Mitte nimmt das Stück eine Wendung. Ein dreiminütiges Instrumental-Outro – immer wiederkehrende Klavierfiguren, darüber ein traumhaft schönes Trompetensolo – zieht den Hörer langsam wieder zurück in unsere Welt. Er kann wieder Atmen.

Nothing wrong
Hier ist er, der versöhnliche Abschluss. Alles wird gut. Wenn wir uns wiedersehen, werden wir grosse Dinge erleben. Eine Art „Amen“ am Ende dieser Reise durch die verschrobene Seele eines Verblichenen.

Die Entstehung von „C-Abgesang“ in eigenen Worten

Den Zeitraum zwischen Sommer ’98 und Sommer ’99 muss ich als kreatives Loch bezeichnen. Kaum ein Ton, kaum ein Wort, kaum eine Melodie, erst recht kein kompletter Song kam zustande. Zu gross war die Erwartung, die ich an mich selbst hatte. Auf Teufel komm raus wollte ich innovative Musik kreieren. So funktioniert das nicht. Zu gross war der Druck. Wie geknebelt war ich. Nicht gerade gesegnet mit neuen Ideen. Als hätte ich mir selbst die Fähigkeit geraubt, gute Musik zu Komponieren.

Ich bestrafte mich dafür mit einer Art musikalischer Selbstaufgabe und Ignoranz gegenüber dieser Erwartung und befreite mich somit von dem Druck komponieren zu „müssen“.
Siehe da – der Bann war gebrochen. Bis Winter ’99 hatte ich eine gute Phase und konnte mich auf 25 neuen Songs ausruhen. Einige davon sind belanglos, aus der Langeweile heraus entstanden. Einige halte ich für die besten und reifsten, die ich je geschrieben habe.
Bei genauerer Betrachtung – manchmal ist es gut, mit Abstand seine eigene Musik zu analysieren, um zu sehen, was man eigentlich gerade gemacht hat – konnte ich einen durchgehenden Faden entdecken: fast alle Stücke handeln auf irgendeine Art vom Tod. Seit vielen Jahren schon beschäftigt mich dieses Thema. Es ist unerschöpflich, denn man kann es von so vielen unterschiedlichen Seiten betrachten.

Ich pickte also eine Hand voll Songs heraus, die mir inhaltlich zusammengehörig erschienen, öffnete eine Flasche Rotwein, zündete eine Kerze an, setzte mich neben mich, hörte mir zu und spielte sie für mich alleine, um zu sehen, was ich dabei empfinde, ob sie zu mir sprechen.
Plötzlich hatte ich eine Vision. Ich wusste, wie sie klingen müssen: zärtlich und sanft, aber kraftvoll und energisch. Vor allem akkustisch, mit Flügel, Kontrabass, Schlagzeug und Gesang.
Gegen 21.30 Uhr rief ich Mini Schulz an. Ich lernte Mini ein paar Monate vorher bei einer Hochzeit kennen. Wir spielten damals gemeinsam ein Stück während der Trauung. Seine Art, Kontrabass zu spielen, gefiel mir auf Anhieb extrem gut. Nicht umsonst ist er ein sehr gefragter Musiker. Ich rief ihn also an – ein Wunder: er war zu Hause. Vorsichtig erzählte ich ihm von meiner Vision. Zu meiner freudigen Überraschung sagte er: „Okay, dann lass uns die Stücke halt aufnehmen!“

Eine Woche später nahm ich alle Stücke als Demo-Version auf – Gesang, nur mit Klavier begleitet.

Bei der Auswahl des passenden Schlagzeugers blieben wir an Markus Faller hängen. Mini hatte bereits mehrmals mit ihm aufgenommen. Ich kannte Markus bisher nur von der scheinbar einzigen Freude des Musikers – neben dem musizieren – dem Festen! Meine Zusammenarbeit mit Mini hatte schon einmal prima funktioniert und wer zusammen festen kann, kann auch meistens zusammen musizieren! Mein Traum-Trio war also komplett.

Die Beiden bekamen von mir die Demos, um einen Eindruck von der Musik zu bekommen. Die Termine für die Aufnahmen standen bereits. Die Zeit war knapp. So knapp, dass wir uns quasi unvorbereitet im Studio einfanden.

Die nicht gerade übliche Herangehensweise – eine Aufnahme mit einer ganz und gar nicht aufeinander eingespielten Gruppe, ja, die niemals zuvor auch nur einen einzigen Ton gemeinsam musiziert hat – erwies sich als äusserst innovativ und spannend.

Die jeweiligen Stücke wurden kurz durchgesprochen, Abläufe geklärt, Anfänge und Schlüsse, sowie komplizierte Breaks angespielt und sofort aufgenommen. Ohne Klick. Jedes Stück höchstens in zwei Versionen. Einige Momente während den Aufnahmen würde ich fast als magisch bezeichnen. Das ein oder andere Stück ist letztlich doppelt so lang als ursprünglich geplant. Wir haben uns von der Musik einfach treiben lassen und erst beim Abhören der Bänder wahrgenommen, wo sie uns eigentlich hingetrieben hat. In zehn Stunden waren die Piano-, Bass- und Schlagzeug-Spuren komplett eingespielt.

Einige Wochen mussten vergehen, bis ich den Gesang aufnehmen konnte. Wir hatten uns zwei Tage für diese Aufnahmen gegeben. Nicht eingeplant war, dass ich an diesen Tagen stimmlich ganz und gar nicht gut drauf war. Die Aufnahmen waren beendet, ich nahm ein Tape mit den Rohversionen mit nach Hause und bekam das grosse Grauen: der Gesang war furchtbar!

Eine Woche später fand ich mich wieder an selbigem Ort. Weiss der Himmel wie: ich sang die komplette Platte in fünf Stunden nochmals ein. Wenn ich es so sagen darf: es war meine beste Gesangsarbeit ever! Ich bin glücklich damit.

Mini und Markus haben in der Vergangenheit unabhängig voneinander diverse Aufnahmen mit dem Stuttgarter Trompeter Herbert Joos gemacht. Was sie über ihn erzählten, hatte mich neugierig gemacht. Ich besuchte ihn, um ihm einige Stücke vorzuspielen, bei denen ich mir sehr gut luftige Trompetenlinien vorstellen konnte. Er nahm seine Trompete, setzte dem Dämpfer an, spielte ein paar Töne dazu und es war klar: Herbert muss mit seiner Trompete die Aufnahmen bereichern. In drei Stunden konzentrierter Arbeit, hatte er drei Stücke mit seiner Art zu spielen gekrönt und zur Vollendung gebracht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Eine zweite Klangfarbe musste auf die Platte. Ein tiefes, melancholisches Saxofon. Die Suche nach dem richtigen Mann dafür viel sehr kurz aus, denn ich kenne nur einen einzigen, der sein Saxofon so bläst, dass es mich berührt! Seit acht Jahren ist Carsten Netz ein treuer musikalischer Wegbegleiter und Freund. Nur zwei kurze Phrasen spielt er auf „Abgesang“. Die aber bereichern die Musik so ungemein, dass ich sie mir nicht mehr wegdenken mag.

15 Stücke haben wir aufgenommen. 13 davon haben ihren Weg auf die Platte gefunden. Eines, das den Sprung nicht geschafft hat, ist mein besonderes „Sorgenkind“! „Love and laughter“, ursprünglich als Herzstück und Opener der CD gedacht, hat sich letztendlich ganz davon verabschiedet. Während den Aufnahmen – eigentlich ist es ein einfacher Song, nur mit Piano und Kontrabassbegleitung – hat sich dieses Stück so extrem von mir entfernt, dass ich massive Probleme damit hatte, es mit einem guten Gefühl unter die anderen zu mischen. Es hat sich gegen mich gestellt. Es war das Einzige, bei dem sich ein falscher Klavierton eingeschmuggelt hatte. Beim Versuch, den Fehler zu beheben, bin ich fast durchgedreht. Die Gesangsaufnahmen waren ein Desaster. Der Refrain klang so schlecht wie selten etwas aus meinem Mund. Nur mit Mühe und Not konnten wir dieses Stück fertigstellen.

Nun ja, es fiel durch! Langsam finden wir wieder zueinander. Vielleicht wird es in Zukunft einen Platz auf einer CD finden.

Ich bin sehr dankbar für die Zusammenarbeit mit diesen grossartigen Musikern.
Niemand spielt seine Trompete mit so viel Melancholie und leisem Schmerz wie Herbert. Nichts anderes kann ich über Carstens Saxofonspiel sagen. Mini und Markus sind als Rhythmusgruppe unglaublich. Vor allem für dieses Projekt die perfekte Besetzung. Oh Mann, wie das groovt! Danke!

C. September 2000